Toralernwochen

Toralernwoche 2010, Sabbat in Bad Boll: die Lehrer werden von Landesbischof Dr. Frank Otfried July besucht

Die zentralen Veranstaltungen im Gespräch zwischen Christen und Juden im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg sind die so genannten Toralernwochen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen zusammen mit jüdischen Lehrern Texte der Tora. Zum Lernen gehört für einige Tage das zusammen Leben und teilweise auch das gemeinsame Feiern des Sabbats.

Diese Toralernwochen gibt es seit 1978. Sie finden in der Regel im Juli oder August statt. Drei Formen wurden entwickelt: in einem Jahr findet die Lernwoche als Tagung mit mehreren Lerngruppen statt; in einem anderen Jahr kommen die Lehrer nach Bad Boll (siehe Foto) und gehen von hier für vier Abende in einzelne Gemeinden, um dort eine Lernwoche durchzuführen; die dritte Version ist die Lernwoche in Israel.

Die Lehrer gehören der so genannten modernen Orthodoxie an. Sie kommen mit wenigen Ausnahmen aus Israel.

Im Juli 2016 findet die Toralernwoche in zwölf Gemeinden in Württemberg und Baden statt. Näheres dazu finden Sie unter "Veranstaltungen".

Hier finden Sie Übersichten über

"Aus der Sklaverei in die Freiheit - Israel in Ägypten"

Teilnehmer, Lehrer und Sabbatgäste bei der Toralernwoche 2011 in Shavei Zion

Link zu weiteren Fotos von der Toralernwoche 2011

 

Toralernwoche 2011 in Shavei Zion / Israel

Ein Bericht der Teilnehmerin Irene Roth

 

Das Evangelische Pfarramt für das Gespräch zwischen Juden und Christen in Württemberg, bzw. der derzeitige engagierte Vertreter dieser Stelle, Dr. Michael Volkmann, organisierte dieses Jahr wieder eine Toralernwoche in Israel.

Solche Toralernwochen wurden vor über 30 Jahren von Dr. Hartmut Metzger ins Leben gerufen und finden normalerweise in einem dreijährigen Wechsel statt: Einmal in Denkendorf, bzw. zukünftig in Bad Boll, im anderen Jahr in verschiedenen daran interessierten Gemeinden und dann, wie gerade dieses Jahr, in Israel.

Vom 31. Juli bis 7. August trafen sich ca. 22 Teilnehmer hauptsächlich aus dem süddeutschen Raum in Shavei Zion, um Einblicke in Bibelauslegungen aus jüdischer Sicht zu gewinnen. Die Gruppe war bunt gemischt: Jüngere und Ältere, neue Gesichter und altbekannte Gesichter, Theologen verschiedener Konfessionen, anderweitig Studierte und Nicht-Studierte.
Manche sind bereits seit langer Zeit aktiv durch vielerlei den Dialog unterstützenden Tätigkeiten, z.B. Karl-Hermann Blickle mit seiner Frau Lisbeth, die unter vielem anderen auch Gründungsstifter des Stuttgarter Lehrhauses sind.
 
Unsere diesjährigen deutschsprechenden jüdischen Lehrer waren Rivka Basch und Dr. Gabriel H. Cohn. Auch ihre Ehepartner Dani Basch und Nechama Cohn beteiligten sich an der Lernwoche.

Das Thema war: „Aus der Sklaverei in die Freiheit – Israels Auszug aus Ägypten“.
Auf dem Programm standen also Texte hauptsächlich aus dem zweiten Buch Mose. Morgens gab es zwei Lerneinheiten von je eineinhalb Stunden. Nach einer Mittagspause folgten dann zwei weitere Einheiten in fast der gleichen Länge.

Anhand verschiedener Auslegungen aus älteren und jüngeren jüdischen Quellen versucht man, dem Sinn der Bibeltexte auf die Spur zu kommen. Vorbildhaft ist die Einstellung, dass jeder Kommentator mit seiner Meinung eine Stimme hat, ohne dass man sich festlegen muss, wer nun Recht hat. So kann sich jeder Mitdenkende selbst irgendwo wieder finden in diesen zum Teil sehr unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten.

Durch das gemeinsame Nachdenken über die Bibel entstehen manchmal sogar neue Sichtweisen oder neue Übersetzungsmöglichkeiten der Heiligen Schrift. So sind diese Treffen nicht nur für uns Lernenden eine Quelle der Inspiration, sondern auch die Lehrer äußern sich immer wieder erfreut über Ideen von uns Lernenden.

Für Badefreudige gab es den Swimmingpool des Gästehauses und den nahe gelegenen Badestrand, wobei uns empfohlen wurde, die Mittagszeit bei der vorherrschenden Hitze besser nicht im Freien zu verbringen, sodass nur der frühe Morgen oder kurz vor dem Abendessen günstige Gelegenheiten waren, wenn man von dem uns gebotenen spannenden Programm nichts verpassen wollte.

Die Abende waren alle ausgefüllt mit sehr vielseitigen Beiträgen.
So erhielten wir am ersten Abend bildhafte Eindrücke von der Tradition bezüglich des Exodustextes und der damit zusammenhängenden Kunst im Judentum, indem Dani Basch uns viele Zeichnungen der vier Söhne zeigte: Der verständige Sohn, der böse Sohn, der einfältige Sohn und der Sohn, der nicht zu fragen weiß. Es wurde dabei auch eine Ansicht erwähnt, die besagt, dass jeder dieser vier Aspekte sich in jedem wieder findet.

Die Auswahl des Ortes Shavei Zion hängt eng mit der Geschichte des Ortes zusammen.

Dieser Ort, auf deutsch: Rückkehrer (nach) Zion(s), wurde gegründet durch deutsche Juden aus Rexingen, die 1938 in einer Gruppe von ca. 40 Personen auswanderten. Uns wurde das alles besonders anschaulich nahe gebracht, da Heinz Högerle aus Rexingen einer der Teilnehmer der Toralernwoche war. Bei einem Ortsrundgang gaben er und seine Frau Barbara Staudacher Einblicke in diese Geschichte der Rexinger Juden. Sie erhielten durch ihr langjähriges Engagement für die Erinnerungskultur diesbezüglich inzwischen das Bundesverdienstkreuz.
An einem Abend besuchten uns etliche Nachkommen dieser und anderer Auswanderer. Amos Fröhlich, der als Kind diese Auswanderung miterlebt hat, erzählte uns.

Auch besuchten wir das durch den Anstoß von Helene Wymann entstandene und von dem Liebeswerk ZEDAKAH getragene Haus Beth El, welches sich in Shavei Zion befindet und seit vielen Jahren Holocaust-Betroffenen kostenfreie Urlaubszeiten ermöglicht.

Emanuel Cohn, ein Sohn des Filmproduzenten Arthur Cohn, und Neffe unseres Lehrers Dr. Gabriel H. Cohn, gestaltete uns einen unterhaltsamen Abend, indem er uns Ausschnitte aus zwei Exodusfilmen zeigte. Thematisiert wurde in diesem Zusammenhang, dass jeder Film – wie ja auch jede Bibelübersetzung - bereits eine Interpretation darstellt, man sich also auf eine einzige Variante - ausgewählt aus vielen möglichen - festgelegt hat.

Er hielt uns am folgenden Tag einen Schiur (deutsch: Unterrichtsstunde) über die 10 Plagen, welche im Judentum 10 Schläge genannt werden. Das Wort Schläge entspricht genauer dem in der Bibel stehenden hebräischen Wort. Wir lernten, den Text genauer zu betrachten, wobei eine eindrückliche Entwicklung festzustellen ist: Z.B. entwickelt sich alles angefangen vom Wasser sozusagen nach oben, bzw. von kaum merklichen Beschwerden hin zu unübersehbaren Schwierigkeiten. Auch lernten wir, dass von der Hälfte der Schläge nicht nur die Ägypter sondern auch die Hebräer betroffen sind, und dass die Diener des Pharao sich langsam aber sicher auf die Seite des Mose schlagen. Und dies sind nur wenige Details von vielen, auf die hin man diese Verse untersuchen kann.

Nebenbei bemerkt: Schon allein die im Judentum gebräuchlichen exakteren Bezeichnungen wie „Die 10 Worte“ (anstatt Gebote) oder „Die Bindung Isaaks“ (anstatt Opferung) weisen hin auf wichtige - uns vielleicht inzwischen verloren gegangene - Perspektiven.

An einem weiteren Abend erhielten wir einen lebhaften Einblick in die Tradition des Pessach-Festes, bei dem sich jeder den Auszug aus Ägypten vergegenwärtigt.
Bei allem Lernen wird manchem von uns klar, dass es sich hier nicht in erster Linie um irgendeine alte Geschichte handelt, sondern möglicherweise um Entwicklungen, die jeder in seinem Leben durchzustehen hat.

Den Schabbat erlebten wir gemeinsam mit vielen weiteren Gästen, Ehepaaren, die auch schon als Lehrer bei solchen Wochen in Deutschland oder Israel tätig waren. Es wurde dafür im Gästehaus/Hotel kurzfristig eine Synagoge eingerichtet, was bereits durch die Herbeischaffung einer Torarolle ermöglicht ist.
Dann kam der letzte gemeinsame Abend, dieses Mal in großer Runde von mehr als 50 Personen mit mehreren Beiträgen, zum Teil sehr heiteren oder ernsten Charakters.

All diese Aktivitäten nun sind aus einer sehr leidvollen Vergangenheit heraus entstanden und gewachsen, und jetzt für uns Teilnehmenden zu einer Quelle sehr großer Freude geworden, weil die Reichtümer, die man aus der Heiligen Schrift beziehen kann, unermesslich sind.

Das Alte Testament ist die Grundlage von Juden und Christen, auch vom Islam. Zugang dazu kann man über die hebräische Sprache, hebräisches Denken bekommen. Man könnte es vielleicht verdeutschen und es jenseitige Sprache, jenseitiges Denken nennen. Das Wort „hebräisch“ bedeutet auch „hinübergehen“.

Die vielfache Bezugnahme des Neuen (oder erneu(er)ten) Testaments auf das Alte (oder erste ursprüngliche) Testament weist darauf hin, woher das Christentum seine Kraft bezieht - bzw. zu beziehen hat, wenn es lebendig bleiben will - nämlich aus seinen Wurzeln.

Für Interessierte gibt es viele Bücher in deutscher Sprache. Seit einem Jahr findet unter dem Dach der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus, welche Räume im Paul-Gerhard-Zentrum in Stuttgart angemietet hat, wöchentlich außer in Ferienzeiten etc. ein Toralernkreis statt. Und es gibt hier und dort privat entstandene Gruppen, die sich regelmäßig treffen.